Monatsspruch Oktober:

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.
(Jeremia 29,7)

 

Es war „Wohnort - der Neunte“, als ich vor gut zwei Jahren im Geiste durch das Untere Tor meiner neuen Wahlheimat gegangen bin und mich auf dem Amt als neuer Bietigheimer Bürger gemeldet habe. Es sollte ein schwerer Gang werden, was ich mir damals gar nicht vorstellen konnte. Schließlich war ich nach den häufigen Umzügen schon mit einigen Wassern gewaschen, wenn auch nicht mit allen.
Als Nordlicht am Rande der Lüneburger Heide aufgewachsen, musste ich mich schon als Kind im kurpfälzischen Hemsbach zurechtfinden, um als Jugendlicher in Krefeld am Niederrhein einen ganz anderen Menschenschlag kennenzulernen.

(Quelle: Pixabay (maxmann))

Im Nordschwarzwald habe ich in der Kurstadt Liebenzell als Student dann das erste Mal Erfahrungen mit der schwäbischen Kultur gemacht, die sich doch stark abgrenzt von der Mentalität der Badener. Denn in Pforzheim sollte ich ganz andere Landsleute kennenlernen. Böse Zungen bezeichnen ja die Ureinwohner der sog. Drei-Flüsse-Stadt abwertend als „Pforzemer Seckel“, um auf ihre Handelsgeschichte mit Gold anzuspielen, aber auch auf ihre zuweilen stoffelige und kauzige Art.
Zuletzt lebte ich im südhessischen Weiterstadt mit geselligen, aber auch im Ton manchmal derben und schroffen Menschen zusammen. Ich weiß nicht, ob Ihnen das hessische Komikerduo „Badesalz“ etwas sagt. Die beiden zeigen sehr schön, wie Einheimische im Frankfurter Raum „babbeln“ und wie sie miteinander umgehen. Zehn Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht – und das sehr gerne. Allerdings muss man sagen, dass die Region Südhessen in landschaftlicher Hinsicht, gelinde gesagt, nicht unbedingt mit Schönheit gesegnet ist.
Ich war also schon in entsprechender Vorfreude, als ich im Sommer 2018 nach Bietigheim gezogen bin mit seinem malerischen Umland von sanften Hügeln, Wäldern und Weinbergen und nicht zuletzt mit seiner über Jahrhunderte gewachsenen historischen Altstadt.
Doch die ersten Monate am neuen Ort waren hart. Das Alte hinter mir zu lassen und neues Land einzunehmen, war ein tränenreicher Prozess. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint, wie in den ersten sechs Monaten. In dieser Zeit habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass es das Phänomen „Umzugsdepression“ gibt. Aber ich wurde auch getröstet und ermutigt. In einem Artikel über „Heimat“ schrieb die Autorin, dass „Neuland“ zu unserem Leben gehört und dass es wichtig sei, Neues zu wagen, bekannte Pfade zu verlassen und das Unbekannte im Glauben zu umarmen. Das Unbekannte im Glauben umarmen. Welch eine schöne Formulierung!
Der Monatsspruch für Oktober erzählt von dieser Umarmung: „Suchet der Stadt Bestes, denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.“
Es geht um die Stadt Babel, in der die Israeliten verschleppt wurden, einer Stadt im Gebiet des heutigen Iraks, als Kriegsbeute des mächtigen Königs Nebukadnezar. Nicht ganz unverschuldet muss man sagen… Da erreicht sie ein Brief aus ihrer alten Heimat. Gibt es Neuigkeiten, Veränderungen? Irgendetwas, was ihre elende Situation wandelt? Dürfen sie vielleicht sogar endlich heim? – Nein! Nichts von alldem.
Wie mag das auf die Verschleppten gewirkt haben? Ich stelle mir vor: Diese Worte sind nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Manche spotten, manche packt die Verzweiflung. "Was, 70 Jahre!? Das ist doch eine Ewigkeit. Wir werden sterben, ohne die Heimat je wiedergesehen zu haben. Sollen wir für immer hierbleiben?" Hier wird nicht vertröstet. Kein "bald wird alles wieder gut". Nein. Ganz schön irritierend, was der Prophet Jeremia ihnen da ausrichtet: Nehmt ein normales Leben auf, richtet euch ein in der Fremde für Jahre und Jahrzehnte. Werdet heimisch, dort, wo ihr seid. Leichter gesagt als getan. Und woher kommt die Kraft dazu? Wie sollten sie die Fremde bewohnen? Es heißt hier: „Suchet der Stadt Bestes … und betet für sie zum HERRN“. Für einen frommen Juden war klar, dass der Tempel in Jerusalem der Ort war, wo man zu Gott beten sollte. Aber der war nun zerstört! Wo sollten sie nun beten? In der Fremde. Dort sollten sie beten für ihre fremdartigen Einwohner. Denn auch die Fremde ist ein von Gott bewohnter Ort.
Wer auch immer Sie sind, ob einheimisch oder "neigschmeckt", ich wünsche Ihnen, dass Sie das „fremde Land“ annehmen können. Aber auch im übertragenen Sinne die ungewohnten Situationen und den störenden Fremdkörper im Leben zu umarmen, im Wissen, dass auch dort Gott zu finden ist.

Übrigens: Ich bin in der Zwischenzeit richtig angekommen in Bietigheim und schätze meine Wahlheimat sehr!

Herzliche Grüße

Carsten Buhr